Ein bisschen Angst muss sein …

Derzeit überschlagen sich die Meldungen, Russland verlege Truppen an die ukrainische Grenze. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg stimmte in diesen Chor ein. Jedoch fehlt eine Einordnung der Meldung, denn ein Blick auf die Karte relativiert diese Hysterie, entlarvt sie als pure Stimmungsmache und stellt keine kritischen Fragen.

In diesem Beitrag wird Bezug genommen auf den Online-Artikel der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom 17.11.2021 („Russland verstärkt Truppen an der Grenze zur Ukraine„). Schon die Überschrift ist kompletter Unsinn. Wie im Beitrag zu lesen ist, befinden sich die Militärfahrzeuge irgendwo nahe der Stadt Jelnja im Oblast (Landkreis) Smolensk (siehe Bild unten). Der Oblast Smolensk grenzt jedoch nur an Weißrussland, nicht an die Ukraine. Auch geografische Fakten sprechen dagegen: die weißrussische Grenze ist von Jelnja knapp 150 Kilometer entfernt, die ukrainische knapp 250 Kilometer (Luftlinie). Ein kurzer Rückblick auf den Prager Frühling 1968: Damals standen Panzer des Warschauer Vertrages aufmunitioniert und in voller Mannschaftsstärke in den Wäldern des Erzgebirges, bereit, nach Prag aufzubrechen. Distanz: knappe 100 Kilometer. Auch der Bereitstellungsraum der Wehrmacht war im September 1939 nicht im 200 Kilometer entfernten Leipzig oder Schwerin …

Ein weiterer Kritikpunkt an der Recherche und Berichterstattung ist der Verbleib der Mannschaften. Es werden zwar Kolonnen an Militärfahrzeugen gezeigt, aber wer bedient und lenkt sie? Obwohl russische Soldaten sicherlich hart im Nehmen sind, werden sie nicht durchgängig zwei Monate lang in ihren geparkten Panzern oder LKWs verweilen. Im Normalfall wird ein Zeltlager errichtet für Unterkunft, Verpflegung, Verwaltung, Sanitätsdienst, Instandhaltung, etc.

Da diese Mannschaftsunterkünfte nicht veröffentlicht wurden ist davon auszugehen, dass diese nicht existieren und damit deutet wiederum alles auf einen „Abstellplatz“ hin. Aber anstatt Fragen zu stellen, wird im Artikel suggeriert und gemutmaßt.

Die Autoren erwähnen sogar die vom 10.-16.09.2021 stattgefundene Militärübung „Sapad-21“, an der 200.000 Soldaten aus Russland und Weißrussland teilnahmen. Zitat SZ: „Nun ist auch die Sapad-Übung vorbei, doch die 41. Armee ist immer noch nicht auf dem Rückweg nach Sibirien.“ Woher wissen sie das? Es ist eine Wiederholung, aber wo sind Soldaten abgebildet, die eine solche Unterstellung stützen? Da abermals lediglich eine Behauptung aufgestellt wurde, kann man davon ausgehen, dass es sich bei den veröffentlichten Bildern lediglich um einem „Abstellplatz“ handelt. Aber warum fragen die Autoren nicht nach solchen Details?

Die Autoren zitieren sogar die russisch/ukrainische Recherchegruppe „Conflict Intelligence Team“ (CIT), welche KEINEN „klaren Beweis für Vorbereitungen einer offensiven Operation“ attestiert und wahrscheinlich näher am Geschehen ist als zitierte politisch aufgeladene ukrainische Verteidigungsminister oder amerikanische „Experten“ des gleichen Formats. Warum stellen die Autoren keine Rückfragen an das ukrainische Verteidigungsministerium oder an das CIT?

Betrachtet man diese Kontroverse aus sicherer Distanz erkennt man, dass es sich um reine Propaganda handelt. Es werden Fotos veröffentlicht, deren Aufnahmedatum unklar ist und von einer Firma stammen, die eigene Satelliten besitzt. Welche Firma hat das Potential, eigene hochauflösende Satelliten im All zu betreiben? Und selbst, wenn es eine kommerzielle Firma sein sollte, deren Geschäftsmodell es ist, Bilder der Erdoberfläche zu verkaufen – wer hat sowohl das Geld als auch das Interesse, Bilder vom russischen Hoheitsgebiet zu kaufen? Und selbst wenn eine, wie auch immer geartete, Firma diesen Datensatz kauft – wie kommt dieser dann zum „Politico“-Magazin? Alles in allem eine dubiose Geschichte, die die wirklich investigativen Journalisten auf den Plan rufen sollte …